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# Neurowissenschaft und Recht
Was haben Neurowissenschaft und Recht gemeinsam und warum sollten wir eine solche Beziehung für so eigentümlich halten, dass wir ihr ein ganzes Kapitel widmen? Die Antwort ist wahrscheinlich in dieser Tatsahe zu sehen: ihre Beziehung, die – mit ihren Grenzen und fortwährenden Veränderungen – steht vollkommen im Einklang mit dem Entwicklungsverlauf dieses Moduls, mit dem Willen zu mehr Engagement und einem besseren Verständnis davon, wie Technologie und Ethik künftig interagieren könnten und sollten.
Was haben Neurowissenschaft und Recht gemeinsam und warum sollten wir eine solche Beziehung für so eigentümlich halten, dass wir ihr ein ganzes Kapitel widmen? Die Antwort ist wahrscheinlich in dieser Tatsache zu sehen: ihre Beziehung – mit ihren Grenzen und fortwährenden Veränderungen – steht vollkommen im Einklang mit dem Entwicklungsverlauf dieses Moduls, mit dem Willen zu mehr Engagement und einem besseren Verständnis davon, wie Technologie und Ethik künftig interagieren könnten und sollten.
Die Verbindung zwischen den beiden Bereichen ist aus zwei Gründen unausweichlich. Auf der einen Seite werden Anwälte immer versuchen, die Interessen ihrer Kunden bestmöglich zu vertreten. Jeder technologische Fortschritt, der ihre Argumentation stützen könnte oder Beweise gegen eine Beschuldigung ihrer Klienten liefern könnte, kann daher nur positiv gesehen werden.
Auf der anderen Seite tendieren die Rechtssysteme zu einer Abwägung von Beweisen, wenn es um die Klärung des Verhaltens von Person X bei ihrem Versuch der Regulierung der Gesellschaft und der Anwendung eines kohärenten Gerechtigkeitskodexes geht.
Dennoch, die Anwendung der Neurowissenschaft auf realen Fallszenarien wirft oder wird eine Reihe von Fragen aufwerfen, die aufmerksam analysiert werden müssen, da ihre Auswirkungen zu einer drastischen Umgestaltung unserer Gesellschaft und unserer Art der Konzeptualisierung von Gesetzen und Strafen führen könnten. Wir werden uns im Folgenden einige dieser Beispiele ansehen.
Dennoch wirft oder wird die Anwendung der Neurowissenschaft auf realen Fallszenarien eine Reihe von Fragen aufwerfen, die aufmerksam analysiert werden müssen, da ihre Auswirkungen zu einer drastischen Umgestaltung unserer Gesellschaft und unserer Art der Konzeptualisierung von Gesetzen und Strafen führen könnten. Wir werden uns im Folgenden einige dieser Beispiele ansehen.
## Freier Wille
Der Begriff des freien Willens ist in einem retributivistischen Rechtssystem von grundlegender Bedeutung, da die Möglichkeit der Wahl zum anderweitigen Handeln in bestimmten Fällen Teil der Beurteilung der Schwere des Verbrechens ist und die Bewertung der Strafe als rückwärtsgewandt betrachtet wird. Dies bedeutet, die spezifischen Variablen jenes bestimmten Individuums für dessen Gesetzesbruch zu berücksichtigen.
Der Begriff des freien Willens ist in einem retributivistischen Rechtssystem von grundlegender Bedeutung, da die Möglichkeit der Wahl zum anderweitigen Handeln in bestimmten Fällen Teil der Beurteilung der Schwere des Verbrechens ist und die Bewertung der Strafe als rückwärtsgewandt betrachtet wird. Dies bedeutet, dass die spezifischen Variablen jenes bestimmten Individuums für dessen Gesetzesbruch zu berücksichtigen sind.
Einige Neurowissenschaftler und Philosophen haben in den letzten Jahren durch eine Reihe von Experimenten (vor allem von Benjamin Libet) (https://www.youtube.com/watch?v=OjCt-L0Ph5o) [^7] die Legitimität dieser *Illusion* in Frage gestellt. Diese bestätigen, dass ein zukunftsorientiertes Strafsystem – als reines konsequenzialistisches System – sowohl sozial als auch politisch der Gesellschaft viel bessere Ergebnisse garantieren würde.
Einige Neurowissenschaftler und Philosophen haben in den letzten Jahren durch eine Reihe von Experimenten ([vor allem von Benjamin Libet](https://www.youtube.com/watch?v=OjCt-L0Ph5o)) [^7] die Legitimität dieser *Illusion* in Frage gestellt. Diese bestätigen, dass ein zukunftsorientiertes Strafsystem – als reines konsequenzialistisches System – sowohl sozial als auch politisch der Gesellschaft viel bessere Ergebnisse garantieren würde.
Abgesehen von den üblichen Risiken, die mit einigen vielleicht zu optimistischen Darstellungen unserer Ergebnisse verbunden sind, scheint eines klar und zweifelsfrei zu sein: Sollten die Behörden die Abwesenheit des freien Willens offiziell akzeptieren, würden wir höchstwahrscheinlich eine Ära des Chaos betreten, weil sich niemand für seine Handlungen und sein unethisches Verhalten verantwortlich oder schuldig fühlen würde. Und dies liegt daran, dass wir alle uns von der Tatsache gerechtfertigt fühlen, dass das Verbrechen ohnehin passieren musste und wir nicht anders hätten handeln können. Ist unsere moralische Verbesserung, bevor wir die Abwesenheit des freien Willens offiziell akzeptieren müssen, der einzige Weg zur Verhinderung einer solchen dystopischen Zukunft (wie im Kapitel über Verbesserung erwähnt, ist es keine Überraschung, dass Posthumanisten eine konsequenzialistische Lebensphilosophie vertreten)?
Abgesehen von den üblichen Risiken, die mit einigen vielleicht zu optimistischen Darstellungen unserer Ergebnisse verbunden sind, scheint eines klar und zweifelsfrei zu sein: Sollten die Behörden die Abwesenheit des freien Willens offiziell akzeptieren, würden wir höchstwahrscheinlich eine Ära des Chaos betreten, weil sich niemand für seine Handlungen und sein unethisches Verhalten verantwortlich oder schuldig fühlen würde. Dies liegt daran, dass wir uns alle von der Tatsache gerechtfertigt fühlen, dass das Verbrechen ohnehin passieren musste und wir nicht anders hätten handeln können. Ist unsere moralische Verbesserung (wie im Kapitel über Verbesserung erwähnt, ist es keine Überraschung, dass Posthumanisten eine konsequenzialistische Lebensphilosophie vertreten), bevor wir die Abwesenheit des freien Willens offiziell akzeptieren müssen, der einzige Weg zur Verhinderung einer solchen dystopischen Zukunft?
Obwohl es das Strafrecht nicht grundsätzlich betrifft, ist es sicherlich interessant zu wissen, welche theologischen Implikationen eine solche Revolution haben würde. Schließlich glauben die meisten Religionen der Welt, dass jeder von uns eine aktive Anstrengung unternehmen sollte, um den – oft herausfordernden – Weg zur moralisch hohen Gesinnung zu finden. Wenn wir uns in einen Zustand versetzen würden, in dem unsere Freiheit anders zu handeln, verschwinden würde – auf welche Weise könnten wir unsere Verpflichtung zu einer solchen Mission unter Beweis stellen? Und – vielleicht noch wichtiger – wie könnten wir weiterhin solche Religionen verstehen, die uns (durch einzelne, freie, autonome Individuen, die für die spezifische Verzweigung einer bestimmten Theologie so zentral sind) vor vollendete Tatsachen stellen? Wie könnten wir (moralisch gesehen) rechtswidrige Sünder sein, wenn es keine wirkliche Sünde gäbe, die man begehen könnte?
Obwohl es das Strafrecht nicht grundsätzlich betrifft, ist es sicherlich interessant zu betrachten, welche theologischen Implikationen eine solche Revolution haben würde. Schließlich glauben die meisten Religionen der Welt, dass jeder von uns sich aktiv anstrengen sollte, um dem – oft herausfordernden – Weg zur moralisch hohen Gesinnung zu folgen. Wenn wir uns in einen Zustand versetzen würden, in dem unsere Freiheit, anders zu handeln, verschwinden würde – auf welche Weise könnten wir unsere Verpflichtung zu einer solchen Mission unter Beweis stellen? Und – vielleicht noch wichtiger – wie könnten wir weiterhin solche Religionen verstehen, die uns (einzelne, freie, autonome Individuen, die für die spezifische Verzweigung einer bestimmten Theologie so zentral sind) vor vollendete Tatsachen stellen? Wie könnten wir (moralisch gesehen) rechtswidrige Sünder sein, wenn es keine wirkliche Sünde gäbe, die man begehen könnte?
## Wiederherstellung des Bewusstseins zur Sicherstellung des Leidens
Im Oktober 2003 erlaubte der Oberste Gerichtshof der USA den Beamten von Arkansas Charles Laverne Singleton, einen schizophrenen, wegen Mordes verurteilten Gefangenen, zur Einnahme bestimmter Medikamente zu zwingen. Diese sollten ihn für seine Hinrichtung zurechnungsfähig machen. Am 6. Januar 2004 wurde er durch eine Giftspritze hingerichtet, was viele ethische Fragen aufgeworfen hat.
Die relevanteste Frage bezieht sich unter anderem auf die Tatsache, dass er gezwungen wurde, psychotrope (wesensverändernde) Medikamente einzunehmen, die ihn die Hinrichtung bei vollem Bewusstsein erleben ließen.[6] Dies mag auch eine Auslegung des Gesetzes sein (schließlich war er so sowohl zum Zeitpunkt des Verbrechens als auch zum Zeitpunkt der Hinrichtung zurechnungsfähig), aber dieser Austausch von Wissen und Vorstellung zwischen Recht und Neurowissenschaft ist sicherlich umstritten.
Die relevanteste Frage bezieht sich unter anderem auf die Tatsache, dass er gezwungen wurde, psychotrope (wesensverändernde) Medikamente einzunehmen, die ihn die Hinrichtung bei vollem Bewusstsein erleben ließen.[^6] Dies mag auch eine Auslegung des Gesetzes sein (schließlich war er so sowohl zum Zeitpunkt des Verbrechens als auch zum Zeitpunkt der Hinrichtung zurechnungsfähig), aber dieser Austausch von Wissen und Vorstellung zwischen Recht und Neurowissenschaft ist sicherlich umstritten.
Warum wollen wir, dass er wegen seiner vergangenen Handlungen bewusst leidet? Wenn dies das Argument ist, das der erzwungenen Medikation als Rechtfertigung dient, sollten wir eine Zunahme von Einzelfall-Verurteilungen basierend auf der neurologischen Karte und Geschichte jedes Kriminellen erwarten? Die Neurowissenschaft wurde bereits oft zur Abmilderung einer Strafe verwendet, künftig wird sie vielleicht direkt der Ausgestaltung der Strafe dienen.
......@@ -33,7 +33,7 @@ Warum wollen wir, dass er wegen seiner vergangenen Handlungen bewusst leidet? We
Mit der Absicht der Schaffung nützlicher Grundlagen für die öffentliche Politik diskutierten verschiedene Wissenschaftler in letzter Zeit die Herausforderung, die leistungssteigernde Medikamente (PEDs, für performance enhancing drugs) für unser Konzept von Verantwortung darstellen könnten.
Besondere Aufmerksamkeit galt dabei dem möglichen Aufkommen neuer Pflichten durch die Empfindlichkeit bestimmter Berufe und den erwarteten sozial vorteilhaften Auswirkungen, die einige PED in solchen Kontexten hervorrufen könnten. Mit Blick auf bestimmte Berufe wie den des Chirurgen oder Piloten haben einige einen *sozial verantwortlichen Innovationsansatz* eingeführt, der die Idee vertritt, dass in Zukunft auf viele Fachleute neue Aufgaben zukommen könnten.
Besondere Aufmerksamkeit galt dabei dem möglichen Aufkommen neuer Pflichten durch die Empfindlichkeit bestimmter Berufe und den erwarteten sozial vorteilhaften Auswirkungen, die einige PED in solchen Kontexten hervorrufen könnten. Mit Blick auf bestimmte Berufe wie die des Chirurgen oder des Piloten haben einige einen *sozial verantwortlichen Innovationsansatz* eingeführt, der die Idee vertritt, dass in Zukunft auf viele Fachleute neue Aufgaben zukommen könnten.
In einem eher gesetzlich orientierten und spezifischen Rahmen haben einige Wissenschaftler über die gesetzlichen Verpflichtungen spekuliert, die erwartungsgemäß von Chirurgen befolgt werden müssten. Ihre Schlussfolgerung ist, dass der Einsatz von PEDs derzeit Chirurgen nicht auferlegt werden kann, da die Sicherheit ihrer Verwendung ungewiss ist. Wenn es uns gelingen würde, PEDs ohne Nebenwirkungen herzustellen (wie es in der IDF-Studie versucht wurde), könnte sich das juristische Szenario jedoch ändern.
Dieser Ansatz kann die Folgen einer solchen Änderung auf die Gesellschaft als Ganzes nicht absehen. Werden wir irgendwann von jedem Hyper-Leistungen erwarten? Zu welchem Zweck?
......@@ -51,15 +51,17 @@ Ein noch aggressiverer Umgang mit dieser passiven Rolle des Individuums spiegelt
Da ihre Genauigkeit ständig verbessert wird, werden wir bald in der Lage sein, das Gesicht einer dritten Person aus den Erinnerungen eines Angeklagten oder eines Gefangenen – oder sogar einer freien Person – zu extrahieren. Auch gegen ihren Willen. Sollten wir dies mit Wohlwollen als eine Möglichkeit zur unbedingten Gewährleistung der Wahrheit sehen oder sollten wir dem *Recht auf kognitive Freiheit* und den davon abgeleiteten Rechten gestatten, bestimmte Bereiche unseres Gehirns nur mit ausdrücklicher Erlaubnis zu betreten?
[^6]: Garasic, M. D. 2013. The Singleton case: enforcing medical treatment to put a person to death Medicine, Health Care and Philosophy 16(4), pp. 795-806. <https://doi.org/10.1007/s11019-013-9462-8>
## Weiterführende Literatur
De Caro, M. & A. Lavazza. 2014. Free Will as an Illusion: Ethical and Epistemological Consequences of an Alleged Revolutionary Truth *Social Epistemology Review and Reply Collective* 3(12), pp. 40-50. <https://social-epistemology.com/2014/11/03/free-will-as-an-illusion-ethical-and-epistemological-consequences-of-an-alleged-revolutionary-truth-mario-de-caro-and-andrea-lavazza/>
De Caro, M. & Lavazza, A. 2014. Free Will as an Illusion: Ethical and Epistemological Consequences of an Alleged Revolutionary Truth *Social Epistemology Review and Reply Collective* 3(12), pp. 40-50. <https://social-epistemology.com/2014/11/03/free-will-as-an-illusion-ethical-and-epistemological-consequences-of-an-alleged-revolutionary-truth-mario-de-caro-and-andrea-lavazza/>
Ienca, M. & R. Andorno. 2017. Towards new human rights in the age of neuroscience and neurotechnology *Life Sciences, Society and Policy* 13(5) <https://doi.org/10.1186/s40504-017-0050-1>
Ienca, M. & Andorno, R. 2017. Towards new human rights in the age of neuroscience and neurotechnology *Life Sciences, Society and Policy* 13(5) <https://doi.org/10.1186/s40504-017-0050-1>
Langleben, D. D. & J. Campbell Moriarty. 2013. Using Brain Imaging for Lie Detection: Where Science, Law and Research Policy Collide *Psychol Public Policy Law* 19(2), pp. 222-234. <https://dx.doi.org/10.1037/a0028841>
Langleben, D. D. & Campbell Moriarty, J. 2013. Using Brain Imaging for Lie Detection: Where Science, Law and Research Policy Collide *Psychol Public Policy Law* 19(2), pp. 222-234. <https://dx.doi.org/10.1037/a0028841>
Santoni de Sio F., Faulmüller, N. & N. A. Vincent. 2014. How cognitive enhancement can change our duties *Front. Syst. Neurosci.* 8(131) <https://doi.org/10.3389/fnsys.2014.00131>
Santoni de Sio, F., Faulmüller, N. & Vincent, N. A. 2014. How cognitive enhancement can change our duties *Front. Syst. Neurosci.* 8(131) <https://doi.org/10.3389/fnsys.2014.00131>
## Weiterführende Videos
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