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......@@ -4,7 +4,7 @@ Das Philosophieren über Technik und die kritische Auseinandersetzung damit, wie
Dieses Kapitel beschäftigt sich mit einigen klassischen Autoren und Themen, die für die Entwicklung des Nachdenkens über Technik allgemein und die Technikphilosophie im Besonderen bedeutsam waren. Die hier präsentierten Denker sind allerdings nur eine kleine Auswahl der reichen Geschichte des Philosophierens über Technik. Wie so oft in der Philosophie (und im abendländischen Denken überhaupt), verdanken wir dem antiken Griechenland viel, wenn es um Begriffe, Ideen und begriffliche Unterscheidungen geht. Obwohl es nicht explizit Technikphilosophen waren, hatten diese Autoren einen wesentlichen Einfluss auf die Entwicklung der Disziplin und ihre Gedanken sind immer noch beachtenswert. Deshalb geht es im ersten Abschnitt um die ‚alten Griechen’. Das ist besonders interessant, weil unser Begriff der Technik im griechischen Wort ‚techne’ wurzelt, dieser Begriff aber in der philosophischen Tradition dort eine andere Bedeutung hat.
## Antike Vordenker - Plato und Aristoteles
## Antike Vordenker Plato und Aristoteles
Obwohl sie einen bedeutenden Stellenwert einnahm, hatte die Arbeit mit den Händen im griechischen Denken eine geringere Stellung als intellektuelle Aktivitäten, wie etwa philosophische Spekulation. Allgemein gesprochen gab es im antiken griechischen Denken die Unterscheidung zwischen theoretischem und praktischem Wissen. Laut Sokrates (469-399 v. Chr.) zum Beispiel, dem Lehrer von Platon, ist das Herstellungswissen, welches etwa Handwerker oder Bäcker besitzen, ein technisches Verständnis, das auf die jeweiligen Praktiken der Handwerkskunst beschränkt ist. Das praktische Wissen der Handwerker unterscheidet sich von der Weisheit der Philosophen. Sokrates’ Schüler Platon (428/427-348/47 v. Chr.) verschärfte die Unterscheidung seines Lehrers zwischen Herstellungswissen und Weisheit, indem er Ersteres als niedrigere Form des Wissens ansah, welche sich nur auf praktische Angelegenheiten richtet. Über dem praktischen Wissen stehen höhere Formen des Wissens wie Weisheit und theoretische Einsicht in die Gründe der Natur. Das niedere Herstellungswissen ist auf das höherwertige theoretische Wissen angewiesen.
......@@ -14,7 +14,7 @@ Der Unterteilung in unterschiedliche Bereiche des Seins entspricht wiederum eine
Die antike Aufwertung von theoretischem Wissen, episteme, wirkte in der Geistes- und Kulturgeschichte lange nach. Dies wird deutlich, wenn man sich die Wissenschaftsgläubigkeit der vergangenen Jahrhunderte ansieht, oder die Idee, dass Technik lediglich angewandte Naturwissenschaft sei. Nichtsdestotrotz hat sich im Spätmittelalter und der Renaissance ein Wandel im Verständnis von Naturwissenschaft und Technik vollzogen. Wissenschaft wurde nun nach dem Vorbild des Hervorbringens gedacht und auch vollzogen. Herstellung und Gebrauch von neuen Werkzeugen und Instrumenten zur Erforschung der Natur sowie Experimentieren und Manipulation der Natur wurden wichtige Bestandteile der wissenschaftlichen Praxis. Der Wandel zu einem neuen Wissenschaftsverständnis wird besonders bei Francis Bacon (1561-1626) deutlich, der schreibt, man solle die Natur mit Instrumenten foltern, um ihr ihre Geheimnisse zu entreißen. Heute ist es angebracht, sowohl von einer Verwissenschaftlichung der Technik, als auch von einer Technisierung der Wissenschaften (die sogenannte Technoscience) zu sprechen. Technik ist ohne Wissenschaft gar nicht denkbar und Wissenschaft ohne technische Instrumente und Apparate ebenso wenig. Im nächsten Abschnitt geht es um das Verhältnis von Mensch und Technik. Spezieller Fokus liegt dabei auf Gedanken aus der philosophischen Anthropologie, welche sich der Frage widmet, was der Mensch denn eigentlich für ein Wesen ist.
## Mensch und Technik - Philosophische Anthropologie
## Mensch und Technik Philosophische Anthropologie
Ein einflussreicher Autor, der in keiner Abhandlung klassischer Autoren der Technikphilosophie fehlen darf, ist Ernst Kapp (1808-1896). Nicht nur war Kapp der erste Autor der den Begriff ‚Philosophie der Technik’ verwendete, er war auch einer der ersten, die sich ernsthaft mit dem Verhältnis von Mensch und Technik auseinandergesetzt haben. In seinem Buch „Grundlinien einer Philosophie der Technik“ von 1877 entwickelt Kapp die Idee, dass technische Artefakte und selbst komplexere Technologien eine sogenannte ‚Organprojektion’ sind. Damit ist gemeint, dass Technik ein Spiegel oder eine Reproduktion des menschlichen Körpers, seiner Organe und inneren Abläufe ist. Laut Kapp ist der menschliche Organismus die Urform (oder der Prototyp), nach der Technik hergestellt wird. Die Reproduktion der Organe in Werkzeuge ist nach Kapp aber nicht ein bewusster und gewollter Vorgang, sondern vollzieht sich unbewusst. Der Mensch kann einfach nicht anders als sich mit der Herstellung von Werkzeugen und Instrumenten kontinuierlich selbst zu reproduzieren. Kapp liefert eine Fülle von Beispielen für die Idee der Organprojektion: Der Haken ist eine Reproduktion des gekrümmten Fingers, der Hammer ist der Faust nachempfunden und die gefalteten Hände sind das Vorbild für die Schüssel. Wo die Hand der Prototyp für viele manuelle Werkzeuge ist, da ist das Auge für Kapp das Vorbild für die optischen Apparate. Aber Kapp geht sogar noch einen Schritt weiter und behauptet, dass das Telegraphennetz eine Organprojektion des Nervensystems sei. Die Nerven sind die Kabel des Körpers und das Telegraphennetzwerk ist das Nervensystem der Menschheit. Allerdings ist die Projektion der Organe in Technik nur eine Seite der Medaille. Technik wirkt auch auf den Organismus zurück, indem sie die Organe unterstützt und verbessert. Der Hammer etwa vervielfacht die Schlagkraft der Faust, wohingegen das Fernglas die Augen unterstützt. Technik ist für Kapp also insbesondere ein Mittel, um unsere natürlichen, aber auch mentalen Fähigkeiten zu verbessern. Darüber hinaus hat Kapp auch erkannt, dass Technik oftmals eine wichtige Funktion für unser Selbstverständnis hat, da sie der Erklärung unseres Organismus dient. Mit anderen Worten: wir erklären uns unseren Körper mithilfe unserer Technik. Metaphern wie der Geist als Software in der Hardware des Gehirns scheinen ihm auch heute noch zumindest teilweise recht zu geben.
......@@ -22,7 +22,7 @@ Philosophische Anthropologie fragt ‚Was ist der Mensch?’ und was der Mensch
Die Idee, dass der Mensch ein Mängelwesen ist war natürlich nicht unumstritten. Der deutsche Anthropologe Paul Alsberg (1883-1965) zum Beispiel kehrte den Prozess um. Er behauptete, dass die ‚zweite Natur’ des Menschen erst eine Schwächung seiner körperlichen Eigenschaften begünstigte. Die körperlichen Fähigkeiten des Menschen waren einst stark ausgeprägt bis er Werkzeuge und andere Artefakte erfand, welche zu einer Schwächung dieser Fähigkeiten führte. Alsberg spricht von einer ‚Körperausschaltung’ durch den Gebrauch von Technik. Unsere ‚zweite Natur’ hat uns also erst zu einem Mängelwesen gemacht. Ob nun die Aussagen Alsbergs evolutions-historisch korrekt sind oder nicht, sei hier einmal dahingestellt. Allerdings hilft uns sein Blickwinkel, auch die negativen Auswirkungen der Technik auf uns nicht aus den Augen zu verlieren. Die Frage ist ja immerhin mehr als berechtigt, wo der Gebrauch von Technik unsere Fähigkeiten vielleicht verringert, statt sie zu unterstützen oder eine Fähigkeit um den Preis einer anderen Fähigkeit durch Technik gefördert wird.
## Die Technik als unabhängige Kraft - Heidegger und Ellul
## Die Technik als unabhängige Kraft Heidegger und Ellul
Keine Abhandlung über Autoren, die die Technikphilosophie beeinflusst haben, wäre komplett ohne Martin Heidegger (1889-1976). Einige gehen sogar so weit zu behaupten, dass Heidegger der wohl einflussreichste Autor im Bereich Technikphilosophie ist. Obwohl sein Hauptwerk ‚Sein und Zeit’ viele Abschnitte enthält, die für das Nachdenken über Technik bedeutsam sind, geht es hier hauptsächlich um seine Position in dem Essay ‚Die Technik und die Kehre’ (1954), da dieser Text Heideggers einflussreichster Text bezüglich Technik ist. Für Heidegger ist moderne Technik das Merkmal der Epoche schlechthin und in dem Essay unternimmt Heidegger eine Diagnose unseres Verhältnisses zu Technik. Heidegger sieht den Unterschied moderner Technik, im Vergleich zur traditionellen Handwerkskunst, darin, dass moderne Technik ein Bezug auf die Welt ist, der alles unter technischen Gesichtspunkten betrachtet. Alle Dinge, und besonders die Natur, erscheinen uns hauptsächlich als technische Angelegenheiten. Natur etwa, ist nur noch eine Quelle für Energie (manifestiert im Damm, wo Wasser nur als Energiequelle dient) und auch menschliche Eigenschaften sind hauptsächlich etwas, was wir im technischen Prozess verwerten können. In Heideggers Terminologie gesprochen behandeln wir alles und jeden als ‚Bestand’. Alles kann arrangiert, re-arrangiert werden und alles ist verfügbar als eine Art Vorrat. Für Heidegger ist Technik also nicht nur als ein Mittel zum Zweck (obwohl es das natürlich auch ist) zu denken, sondern wir müssen stattdessen nach dem Wesen der Technik fragen. Technik, so Heidegger ‚erschließt’ uns die Welt in einer bestimmten Art und Weise. Alles ist nur noch Ressource und wird unter dem Gesichtspunkt der Verwendbarkeit gesehen und wir müssen uns von diesem technischen Denken freimachen, so Heidegger. Da wir innerhalb dieser technischen Denkweise gefangen sind, brauchen wir einen Weg, um aus ihr auszubrechen, wenn wir Technik erfassen wollen. Dieser Ausbruch könnte gelingen, indem wir uns anderen, nicht-instrumentellen Arten zur Erschließung der Welt öffnen. Die Welt kann sich uns auf verschiedene Art öffnen und wir können uns die Welt auf verschiedene Art erschließen. Die technische Einstellung, obwohl sie sehr stark und unbemerkt waltet, ist nur eine Art von vielen möglichen.
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