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# Klassische Autoren zur Philosophie der Technik
Das Philosophieren über Technik und die kritische Auseinandersetzung wie Technik uns beeinflusst ist heute wichtiger denn je. Wir leben in einer Welt, die vollständig von technischen Artefakten durchsetzt ist. Technik beeinflusst die Art wie wir uns fortbewegen, kommunizieren, essen, schlafen und auch lieben. Der Einfluss durch unsere Technik geht sogar so weit, dass bereits vom sogenannten Anthropozän gesprochen werden kann, womit ein Zeitalter gemeint ist, in dem der Mensch der wichtigste Einflussfaktor auf Flora, Fauna und Klima der Erde ist.
Das Philosophieren über Technik und die kritische Auseinandersetzung damit, wie Technik uns beeinflusst ist heute wichtiger denn je. Wir leben in einer Welt, die vollständig von technischen Artefakten durchsetzt ist. Technik beeinflusst die Art, wie wir uns fortbewegen, kommunizieren, essen, schlafen und auch lieben. Der Einfluss unserer Technik geht sogar so weit, dass bereits vom sogenannten Anthropozän gesprochen werden kann, womit ein Zeitalter gemeint ist, in dem der Mensch der wichtigste Einflussfaktor auf Flora, Fauna und Klima der Erde ist.
Dieses Kapitel beschäftigt sich mit einigen klassischen Autoren und Themen, die für die Entwicklung des Nachdenkens über Technik allgemein und die Technikphilosophie im Besonderen bedeutsam waren. Die hier präsentierten Denker sind allerdings nur eine kleine Auswahl der reichen Geschichte des Philosophierens über Technik. Wie so oft in der Philosophie (und im abendländischen Denken überhaupt), verdanken wir dem antiken Griechenland viel, wenn es um Begriffe, Ideen und begriffliche Unterscheidungen geht. Obwohl nicht explizit Technikphilosophen, hatten diese Autoren einen wesentlichen Einfluss auf die Entwicklung der Disziplin und ihre Gedanken sind immer noch wert, beachtet zu werden. Deshalb geht es im ersten Abschnitt um die ‚alten Griechen’. Das ist besonders interessant weil unser Begriff Technik im griechischen Wort ‚techne’ wurzelt, dieser Begriff aber in der philosophischen Tradition dort eine andere Bedeutung hat.
Dieses Kapitel beschäftigt sich mit einigen klassischen Autoren und Themen, die für die Entwicklung des Nachdenkens über Technik allgemein und die Technikphilosophie im Besonderen bedeutsam waren. Die hier präsentierten Denker sind allerdings nur eine kleine Auswahl der reichen Geschichte des Philosophierens über Technik. Wie so oft in der Philosophie (und im abendländischen Denken überhaupt), verdanken wir dem antiken Griechenland viel, wenn es um Begriffe, Ideen und begriffliche Unterscheidungen geht. Obwohl es nicht explizit Technikphilosophen waren, hatten diese Autoren einen wesentlichen Einfluss auf die Entwicklung der Disziplin und ihre Gedanken sind immer noch beachtenswert. Deshalb geht es im ersten Abschnitt um die ‚alten Griechen’. Das ist besonders interessant, weil unser Begriff der Technik im griechischen Wort ‚techne’ wurzelt, dieser Begriff aber in der philosophischen Tradition dort eine andere Bedeutung hat.
## Antike Vordenker - Plato und Aristoteles
Obwohl sie einen bedeutenden Stellenwert einnahm, hatte die Arbeit mit den Händen im griechischen Denken eine geringere Stellung als intellektuelle Aktivitäten, wie etwa philosophische Spekulation. Allgemein gesprochen gab es im antiken griechischen Denken die Unterscheidung zwischen theoretischem und praktischem Wissen. Laut Sokrates (469-399 v. Chr.) zum Beispiel, dem Lehrer von Platon, ist das Herstellungswissen, welches etwa Handwerker oder Bäcker besitzen, ein technisches Verständnis, welches auf die jeweiligen Praktiken der Handwerkskunst beschränkt ist. Das praktische Wissen der Handwerker ist verschieden von der Weisheit der Philosophen. Sokrates’ Schüler Platon (428/427-348/47 v. Chr.) verschärfte die Unterscheidung seines Lehrers zwischen Herstellungswissen und Weisheit, indem er ersteres als niedrigere Form des Wissens ansah, welche sich nur auf praktische Angelegenheiten richtet. Über dem praktischen Wissen stehen höhere Formen des Wissens wie Weisheit und theoretische Einsicht in die Gründe der Natur. Das niedere Herstellungswissen ist auf das höherwertige theoretische Wissen angewiesen.
Obwohl sie einen bedeutenden Stellenwert einnahm, hatte die Arbeit mit den Händen im griechischen Denken eine geringere Stellung als intellektuelle Aktivitäten, wie etwa philosophische Spekulation. Allgemein gesprochen gab es im antiken griechischen Denken die Unterscheidung zwischen theoretischem und praktischem Wissen. Laut Sokrates (469-399 v. Chr.) zum Beispiel, dem Lehrer von Platon, ist das Herstellungswissen, welches etwa Handwerker oder Bäcker besitzen, ein technisches Verständnis, das auf die jeweiligen Praktiken der Handwerkskunst beschränkt ist. Das praktische Wissen der Handwerker unterscheidet sich von der Weisheit der Philosophen. Sokrates’ Schüler Platon (428/427-348/47 v. Chr.) verschärfte die Unterscheidung seines Lehrers zwischen Herstellungswissen und Weisheit, indem er Ersteres als niedrigere Form des Wissens ansah, welche sich nur auf praktische Angelegenheiten richtet. Über dem praktischen Wissen stehen höhere Formen des Wissens wie Weisheit und theoretische Einsicht in die Gründe der Natur. Das niedere Herstellungswissen ist auf das höherwertige theoretische Wissen angewiesen.
Wesentlich einflussreicher als Sokrates und Platon für die Entwicklung der Technikphilosophie war allerdings Aristoteles (384-322 v. Chr.). Wie Platon zuvor folgt auch Aristoteles einer hierarchischen Unterscheidung von Wissensformen, welche theoretisches Wissen an die Spitze stellt. Zu den verschiedenen Wissensformen die Aristoteles unterscheidet später mehr. Zuvor soll es um seine Idee der verschiedenen Bereiche des Seins sein. Für antike griechische Denker war es eine ausgemachte Sache das natürliche Objekte und hergestellte Objekte (technische Artefakte) in der Art ihres Seins grundverschieden sind. So unterscheidet auch Aristoteles zwischen diesen beiden Bereichen des Seins (etwa in seinem Werk Physis, Buch 2, Kapitel 1). Auf der einen Seite haben wir den Bereich der physis und auf der anderen den Bereich der poiesis. Der erste Bereich ist der Bereich der natürlichen Dinge, wohingegen der zweite Bereich die nicht-natürlichen Dinge beinhaltet. Beide Bereiche unterscheiden sich dadurch, dass sie von verschiedenen Existenzprinzipien durchwirkt sind. Laut Aristoteles haben natürliche Objekte das Prinzip ihrer Entstehung, Aufrechterhaltung und Bewegung (Bewegung umfasst hier Bewegung in Raum und Zeit, aber auch Wandel) in sich selbst. Blumen und Tiere zum Beispiel entstehen und verändern sich aus sich selbst heraus. Nicht-natürliche Objekte dagegen, wie etwa Werkzeuge und andere technische Dinge, verdanken ihre Hervorbringung, Aufrechterhaltung und ihren Wandel Ursachen, die außerhalb ihrer selbst liegen. Die Prinzipien der Herstellung und Erhaltung technischer Artefakte liegen im Menschen, seinen Zielen und Tätigkeiten. Ein Sattel etwa stellt sich nicht allein her und flickt sich auch nicht selbst, wenn er beschädigt ist. Interessanterweise ist dieser Gedanke in einigem Kontrast zu modernen Befürchtungen bezüglich sich selbst produzierenden Roboten und sich selbständig weiterentwickelnden Algorithmen.
Wesentlich einflussreicher als Sokrates und Platon für die Entwicklung der Technikphilosophie war allerdings Aristoteles (384-322 v. Chr.). Wie Platon zuvor folgt auch Aristoteles einer hierarchischen Unterscheidung von Wissensformen, welche theoretisches Wissen an die Spitze stellt. Zu den verschiedenen Wissensformen, die Aristoteles unterscheidet, später mehr. Zuvor soll es um seine Idee der verschiedenen Bereiche des Seins gehen. Für antike griechische Denker war es eine ausgemachte Sache, dass natürliche Objekte und hergestellte Objekte (technische Artefakte) in der Art ihres Seins grundverschieden sind. So unterscheidet auch Aristoteles zwischen diesen beiden Bereichen des Seins (etwa in seinem Werk Physis, Buch 2, Kapitel 1). Auf der einen Seite haben wir den Bereich der physis und auf der anderen den Bereich der poiesis. Der erste Bereich ist der Bereich der natürlichen Dinge, wohingegen der zweite Bereich die nicht-natürlichen Dinge beinhaltet. Beide Bereiche unterscheiden sich dadurch, dass sie von verschiedenen Existenzprinzipien durchwirkt sind. Laut Aristoteles haben natürliche Objekte das Prinzip ihrer Entstehung, Aufrechterhaltung und Bewegung (Bewegung umfasst hier Bewegung in Raum und Zeit, aber auch Wandel) in sich selbst. Blumen und Tiere zum Beispiel entstehen und verändern sich aus sich selbst heraus. Nicht-natürliche Objekte dagegen, wie etwa Werkzeuge und andere technische Dinge, verdanken ihre Hervorbringung, ihre Aufrechterhaltung und ihren Wandel Ursachen, die außerhalb ihrer selbst liegen. Die Prinzipien der Herstellung und Erhaltung technischer Artefakte liegen im Menschen, seinen Zielen und Tätigkeiten. Ein Sattel etwa stellt sich nicht allein her und flickt sich auch nicht selbst, wenn er beschädigt ist. Interessanterweise steht dieser Gedanke in großem Kontrast zu modernen Befürchtungen bezüglich sich selbst produzierenden Robotern und sich selbstständig weiterentwickelnden Algorithmen.
Der Unterteilung in unterschiedliche Bereiche des Seins korrespondiert wiederum eine Unterscheidung in verschiedene Arten des Wissens. In einem seiner einflussreichsten Werke, Nikomachische Ethik (Buch 6, Kapitel 3-7), unterscheidet Aristoteles ganze 5 Arten des Wissens. Besonders relevant im Hinblick auf Technik sind die Wissensformen episteme und techne. Episteme richtet sich auf den natürlichen Bereich, wohingegen sich techne auf den nicht-natürlichen, den artifiziellen Bereich richtet. Episteme betrifft das theoretische Wissen (Wissenschaft) und der Begriff techne richtet sich auf das Herstellungswissen der Handwerker und Künste. Anders ausgedrückt handelt es sich bei techne um Können oder Kunstfertigkeit. Wichtig zu erwähnen ist hierbei, dass es für Aristoteles nicht die eine techne gibt, sondern verschiedene Arten des Kunstfertigen Könnens, die sich in je unterschiedlichen Werken ausdrückt: Schmiedekunst, Nähkunst, Dichtkunst und viele mehr. Der Begriff techne bezeichnet also etwas anderes als unser heutiger Begriff Technik, womit wir normalerweise technische Objekte oder technische Systeme meinen.
Der Unterteilung in unterschiedliche Bereiche des Seins entspricht wiederum eine Unterscheidung verschiedener Arten von Wissens. In einem seiner einflussreichsten Werke, Nikomachische Ethik (Buch 6, Kapitel 3-7), unterscheidet Aristoteles ganze fünf Arten des Wissens. Besonders relevant im Hinblick auf Technik sind die Wissensformen episteme und techne. Episteme richtet sich auf den natürlichen Bereich, wohingegen sich techne auf den nicht-natürlichen, den artifiziellen Bereich richtet. Episteme betrifft das theoretische Wissen (Wissenschaft) und der Begriff techne richtet sich auf das Herstellungswissen der Handwerker und Künste. Anders ausgedrückt handelt es sich bei techne um Können oder Kunstfertigkeit. Wichtig zu erwähnen ist hierbei, dass es für Aristoteles nicht die eine techne gibt, sondern verschiedene Arten des kunstfertigen Könnens, die sich in je unterschiedlichen Werken ausdrücken: Schmiedekunst, Nähkunst, Dichtkunst und viele mehr. Der Begriff techne bezeichnet also etwas anderes als unser heutiger Begriff Technik, womit wir normalerweise technische Objekte oder technische Systeme meinen.
Die antike Aufwertung von theoretischem Wissen, episteme, wirkte in der Geistes- und Kulturgeschichte lange nach. Dies wird deutlich, wenn man sich die Wissenschaftsgläubigkeit der vergangenen Jahrhunderte ansieht, oder die Idee, dass Technik lediglich angewandte Naturwissenschaft sei. Nichtsdestotrotz hat sich im Spätmittelalter und der Renaissance ein Wandel im Verständnis von Naturwissenschaft und Technik vollzogen. Wissenschaft wurde nun nach dem Vorbild des Hervorbringens gedacht und auch vollzogen. Herstellung und Gebrauch von neuen Werkzeugen und Instrumenten zur Erforschung der Natur, sowie Experimentieren und Manipulation der Natur wurden wichtige Bestandteile der wissenschaftlichen Praxis. Der Wandel zu einem neuen Wissenschaftsverständnis wird besonders bei Francis Bacon (1561-1626) deutlich der schreibt, man solle die Natur mit Instrumenten foltern, um ihr ihre Geheimnisse zu entreißen. Heute ist es angebracht sowohl von einer Verwissenschaftlichung der Technik, als auch von einer Technisierung der Wissenschaften (sogenannte Technoscience) zu sprechen. Technik ist ohne Wissenschaft gar nicht denkbar und Wissenschaft ohne technische Instrumente und Apparate ebenso wenig. Im nächsten Abschnitt geht es um das Verhältnis von Mensch und Technik. Spezieller Fokus liegt auf Gedanken aus der philosophischen Anthropologie, welche sich der Frage widmet, was der Mensch denn eigentlich für ein Wesen ist.
Die antike Aufwertung von theoretischem Wissen, episteme, wirkte in der Geistes- und Kulturgeschichte lange nach. Dies wird deutlich, wenn man sich die Wissenschaftsgläubigkeit der vergangenen Jahrhunderte ansieht, oder die Idee, dass Technik lediglich angewandte Naturwissenschaft sei. Nichtsdestotrotz hat sich im Spätmittelalter und der Renaissance ein Wandel im Verständnis von Naturwissenschaft und Technik vollzogen. Wissenschaft wurde nun nach dem Vorbild des Hervorbringens gedacht und auch vollzogen. Herstellung und Gebrauch von neuen Werkzeugen und Instrumenten zur Erforschung der Natur sowie Experimentieren und Manipulation der Natur wurden wichtige Bestandteile der wissenschaftlichen Praxis. Der Wandel zu einem neuen Wissenschaftsverständnis wird besonders bei Francis Bacon (1561-1626) deutlich, der schreibt, man solle die Natur mit Instrumenten foltern, um ihr ihre Geheimnisse zu entreißen. Heute ist es angebracht, sowohl von einer Verwissenschaftlichung der Technik, als auch von einer Technisierung der Wissenschaften (die sogenannte Technoscience) zu sprechen. Technik ist ohne Wissenschaft gar nicht denkbar und Wissenschaft ohne technische Instrumente und Apparate ebenso wenig. Im nächsten Abschnitt geht es um das Verhältnis von Mensch und Technik. Spezieller Fokus liegt dabei auf Gedanken aus der philosophischen Anthropologie, welche sich der Frage widmet, was der Mensch denn eigentlich für ein Wesen ist.
## Mensch und Technik - Philosophische Anthropologie
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